Tandas

 

4 Stunden – 100 Titel – eine Komposition
Bei der Strukturierung einer traditionellen Milonga geht es in erster Linie darum,
Energie aufzubauen, zu halten und damit zu spielen.
Ziel ist es, möglichst viele Gäste permanent zum Tanzen zu animieren – Tänzer möchten von der Musik getragen werden und in ihrer Aufmerksamkeit nicht von DJs und anderen Störungen abgelenkt werden. Dauer der Veranstaltung, Zusammensetzung des Publikums, Anzahl und Stimmung der Tänzer sind wichtige Faktoren bei der Auswahl und Strukturierung der Musik.

Innere Struktur
Eine Tanda von 4 Stücken sollte den Tänzern mit den ersten Takten klarmachen, um welche Art der Energie es geht, damit sie entscheiden können, ob und mit welchem Partner sie sich darauf einlassen. Die Tanda soll eine runde Sache ohne stilistische Brüche sein, spannende Einheitlichkeit ist gefragt. Es gibt verschiedene Wege, dies zu erreichen. Bei Tangos bietet es sich an, durchgehend ein Orchester zu spielen, wenn Tempo, Rhythmus, künstlerische Periode, Instrumentierung, Klangfarbe und -Qualität zueinander passen.

Hierzu 2 Beispieltandas mit D’Arienzo:
Tanda 1 – Pensalo bien / Viernes / Gerardo Matos Rodriguez / El Hipo
Tanda 2 – Ataniche / El Apronte / Lelia / El Africano

Die erste Tanda ist ein Beispiel für sehr gewöhnungsbedürftige Sets, mit denen ich mich als Tänzer einfach nicht anfreunden kann. Das erste Stück – ein Reisser, der auf die Tanzfläche lockt.
Mit dem zweiten Stück kommt die kalte Dusche – instrumentaler Tango for Export,
ein fetter Stilbruch. Dann wieder zwei verschiedene Sänger, die zwei völlig verschiedene Stimmungen transportieren. Jedes der vier Stücke hat was, aber sie wollen absolut nicht zueinander passen. Nun, es gibt schlimmeres als diesen heterogenen Mix.
Tanda Nr. 2 beginnt auch mit einem bekannten Hit, die ersten Takte sind eine klare Ansage mit Signalcharakter. El Apronte ist einen Hauch weniger energiegeladen, aber erhält ebenso wie Lelia die Spannung und die Kontinuität der Tanda aufrecht. El Africano setzt dann den energetischen Höhe- und Schlusspunkt. Die Reihenfolge und Beurteilung der Energie sind auch vom Empfinden des DJs abhängig – El Apronte als Opener und Lelia als Abschluss wären auch vertretbar 😉
Es herrscht aber relative Einheitlichkeit hinsichtlich Genre (Tango instrumental), Periode (späte 30er), Tempo, Stimmung und Tonqualität.
Der Aufbau kann als „Hängemattentanda“ bezeichnet werden, auch als Hammock- oder ABBA-Tanda bekannt, d.h. das erste und das letzte Stück sind die energetischsten.
Bei Valses und Milonga darf es auch gerne mal eine „Ronda de Ases“, also Titel von verschiedenen Orchestern sein, solange energetische und stilistische Kohärenz zu spüren ist.

Äussere Struktur
Nein, ein Abend muss nicht zwangsläufig mit „De Angelis für Anfänger“ beginnen, es ist aber eine gute Möglichkeit. Dramatische Pugliesetitel mit La Yumba-Beat dagegen wohl eher nicht.
Soll heißen, dass ich eine Energiekurve anstrebe, die sich im Laufe des Abends auf einen oder mehrere Höhepunkte zubewegt und ruhig wieder ausklingt.
Hilfreich sind dabei variable Zyklen mit der Grundstruktur 4Valses, 4Tangos, 4Tangos, 4 Milongas (VVVV,TTTT,TTTT,MMMM) – dann wieder Tangos usw. Variabel bedeutet, daß diese Grundstruktur der speziellen Situation angepasst wird. Ein DJ versucht, sein Publikum „zu lesen“ und auf Schwankungen im Energielevel zu reagieren. VVVV,TTTT,MMMM kann z.B. einer eher trägen Stimmung einen Energieschub geben.
Wenn es so richtig rund läuft, spricht auch nichts dagegen, mal auf eine 5er Tanda aufzustocken, insbesondere bei kurzen Titeln. Andererseits empfiehlt es sich öfters, eine Milongatanda auf 3 zu verkürzen, ich muss natürlich einschätzen können, ob die Tänzer müde werden oder eine „Einer geht noch rein“-Stimmung vorherrscht. Das gleiche kann auch bei Valses angebracht sein – Aufmerksamkeit, Gespür für Stimmungen und Flexibilität sind hier die wichtigsten Anforderungen an einen DJ.
Und Timing – gepaart mit Stilsicherheit. Dann ist es leichter zu entscheiden, ob die nächste Tanda extrovertiert(D’Arienzo) oder introvertiert(D’Agostino), beruhigend(Carabelli) oder aufputschend(Racciatti), lyrisch(Fresedo) oder dramatisch(Pugliese), komplex(Calo) oder rustikal(Canaro) etc, etc sein soll.
Ansonsten sind Regeln (Cumparsita am Schluss, kein Gardel und Adios Muchachos usw.) dazu da, gekonnt gebrochen zu werden. 😉
Allerdings halte ich es für eine gute Tradition, „La ultima tanda“ anzukündigen und die Tänzer mit einer „edlen“, ruhigen Tanda (z.B. Canaro/Maida, 50er Di Sarli instrumental, Tanturi/Campos) nach Hause zu schicken. Vielleicht noch „I get ideas“ von Satchmo zum Schuhewechseln –
die Gäste sollten die Melodie summend mit einem Lächeln den Saal verlassen…