Alternatives

 

Ein Gast eilt zum DJ-Pult.

„Sag mal, kannst Du nich‘ zwischendurch mal was Schönes spielen?“
DJ ringt um Fassung.
— „Was Schönes?“
„Ja, ich hab‘ da neulich sowas mit Folklore gehört, is ganz bekannt, kennst Du sicher!“
DJ knirscht mit den Zähnen, gibt sich professionell höflich.
— „Instrumental oder mit Gesang?“
„Mit Gesang, aber modern, nicht diese ollen Schnulzen, die Du sonst spielst“
DJ beginnt zu kochen, aber bleibt ruhig – er möchte die Dame nicht brüskieren…
— „Wer singt denn?“
„Ich glaub‘, ne Frau, aber unheimlich schön und toll zum tanzen!“
— „Was denn für ein Stil, ist das auf spanisch?“
„Äh, nein das klingt irgendwie – griechisch oder so?“
— Grrrrrrrrr…
“ ICH GEB‘ DIR GLEICH GRIECHISCH !!!!!!!!! „

Damit wären wir beim Thema Publikumswünsche und dem Selbstverständnis des DJs.
Hier tut sich das Spannungsfeld zwischen Künstler und Dienstleister auf, manchmal erlebt sich ein DJ auch in der Rolle des Pädagogen, der den Tänzern sein Verständnis von guter Tangomusik näherbringen möchte.
Der Künstler zieht sein Ding über die Bühne und verbittet sich Wünsche. „Ihr unterbrecht ja auch nicht Chicho und Eugenia sagt zu ihnen, daß sie mehr Saccadas in den Showtanz einbauen sollen!“
Der Dienstleister handelt eher nach dem Motto „Wes‘ Bier ich trink…“ , greift dankbar Vorschläge der Gäste auf und fühlt sich als Wunschkonzertmoderator wohl, der gerne fragt, was er denn als nächstes spielen soll.
Der Pädagoge glaubt zu wissen, was für das Publikum am besten wäre, das kann gutgehen, wird aber besonders dann gefährlich, wenn belehrende Traditionalisten bei Diskussionen in die „Wie in Buenos Aires“ – Falle tappen.
In den 30er bis 50er Jahren hat es das alles nämlich auch schon gegeben, Neo– und Nontango in Form von Folklore, Ballroom, Tango Nuevo und Swing, ebenso die dazu gehörenden Streitigkeiten, die in Buenos Aires auch schon mal in Morddrohungen und Messerduellen endeten. Gerade berühmte Orchester wie Canaro haben so ziemlich alles gespielt – von der Polka bis zur Fussballhymne. Nur eines gab es nicht – DJs

Wie auch immer unser Selbstverständnis sein mag, wir sollten für jede der drei skizzierten Positionen Verständnis haben und lernen, je nach Situation mit Publikumswünschen umzugehen. Ein Patentrezpt habe ich nicht ausser dem Spruch „Handwerk hat goldenen Boden“. Und der besteht für mich in der Fähigkeit, sich einerseits inhaltlich auf das üppige Instrumentarium der traditionellen Tangos mit ihrer unerschöpflichen Vielseitigkeit zu beschränken.
Das wäre auch für mich als Tänzer die beste aller Welten, doch wenn ich mich entscheiden müsste zwischen einem DJ und einem NonDJ – dann ziehe ich einen DJ, der einen klassisch/alternativen Mix formal überzeugend rüberbringt, dem NonDJ vor, der mit einem ausschlieslich klassischen Repertoire eine langweilige, enttäuschende Milonga fabriziert.
Denn wer andererseits auch gelernt hat, dieses überaus vielschichtige und in seiner musikalischen Fülle unübertroffene Material stimmig, überzeugend und abwechslungsreich zu präsentieren, bei dem also Form _und_ Inhalt stimmen, lässt den Wunsch nach „Alternativem“ kaum noch aufkommen.

Und wenn doch, vielleicht sogar im zweiten Herzen der DJ-Brust?
Auch der orthodoxeste, fundamentalistischste Traditionalist sollte sich alternatives Material aneignen und es formal gelungen in eine Milonga einbauen können.
Ich wäre kein wirklich guter DJ, wenn ich nicht die Fähigkeit besäße, über den Tellerrand eigener Vorlieben zu blicken. Künstlerische Freiheit bedeutet in diesem Zusammenhang für mich:
„Ich muss nicht, aber ich könnte…“
Auch ich als Traditionalist übe mich darin, sogar mit Vergnügen – ich habe die „Neolonga“ erfunden, um mein Publikum vor noch schlimmerem zu bewahren 😉 Ein guter DJ sollte schon aus diesem Grund über seinen Schatten springen können!

Das Produkt „Tangoveranstaltung“ immer so anzukündigen, daß die Gäste wissen, was sie für die Mühen der Anreise und das Eintrittsgeld bekommen, sollte selbstverständlich sein!